InhalPlus: Neue Technologie soll Medikamente gezielt in die Lunge von Frühgeborenen bringen

InhalPlus: Neue Technologie soll Medikamente gezielt in die Lunge von Frühgeborenen bringen


InhalPlus GmbH entwickelt ein innovatives Bypass-System für die Medikamentenverabreichung bei Frühgeborenen unter CPAP-Atemunterstützung. Die Technologie des Fraunhofer ITEM soll dafür sorgen, dass inhalierte Medikamente künftig zuverlässiger und mit geringeren Wirkstoffverlusten in der Lunge ankommen. Nach der Unternehmensgründung im August 2026 und dem Abschluss eines exklusiven Lizenzvertrags mit der Fraunhofer-Gesellschaft steht nun die erste klinische Studie bevor.

Medikamentengabe bei Frühgeborenen: Der Weg in die Lunge ist entscheidend

Viele Frühgeborene benötigen nach der Geburt Unterstützung bei der Atmung. Auf neonatologischen Intensivstationen kommt dabei häufig eine nichtinvasive CPAP-Therapie (Continuous Positive Airway Pressure) zum Einsatz. Über die Nase wird dabei kontinuierlich ein leichter Überdruck zugeführt, der die Atemwege offenhält und die Atmung erleichtert.

Allein in der DACH-Region werden jährlich rund 37.000 Frühgeborene unter CPAP behandelt. Viele dieser Kinder entwickeln in der Folge Lungenprobleme. Eine gezielte Behandlung der Lunge direkt vor Ort könnte deshalb medizinisch besonders interessant sein. Bisher stellt jedoch nicht unbedingt das Medikament selbst die größte Herausforderung dar, sondern dessen zuverlässige Verabreichung in die Lunge. Werden Medikamente als Aerosol in den Beatmungskreislauf eingebracht, kann ein erheblicher Teil des Wirkstoffs verloren gehen. Aerosole verdünnen sich im Beatmungssystem, lagern sich an Schläuchen ab oder entweichen durch unvermeidbare Leckagen. Bei den sehr kleinen Atemzugvolumina von Frühgeborenen lässt sich deshalb nur schwer vorhersagen, welche Medikamentendosis tatsächlich in der Lunge ankommt. Genau an diesem Problem setzt die Technologie von InhalPlus an.

Mehr als 20 Jahre Forschung am Fraunhofer ITEM

Die technologische Grundlage des InhalPlus-Systems wurde über mehr als zwei Jahrzehnte am Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin ITEM entwickelt. Das Institut beschäftigt sich bereits seit seiner Gründung im Jahr 1981 intensiv mit Aerosolforschung und der Entwicklung von Inhalationstechnologien.

Unter der Leitung von Dr. Gerhard Pohlmann entstanden gemeinsam mit industriellen und öffentlichen Partnern technische Lösungen, um hochkonzentrierte Wirkstoff-Aerosole zu erzeugen und möglichst direkt in die Atemwege von Patientinnen und Patienten zu transportieren. Ein entscheidender Entwicklungsschritt war die sogenannte Bypass-Architektur, die im Rahmen der Promotion von Dr. Felix Carl Wiegandt am Fraunhofer ITEM entwickelt wurde. Dabei wird ein kleiner, definierter Teilstrom der Luft aus dem Beatmungskreislauf entnommen. Außerhalb des Hauptgasstroms wird dieser mit dem Medikamenten-Aerosol angereichert und anschließend direkt an der Patientenschnittstelle wieder zugeführt. Der Vorteil: Die Beatmung muss dafür nicht unterbrochen werden. Gleichzeitig sollen wichtige Parameter wie Druck, Feuchtigkeit und Sauerstoffgehalt des Beatmungssystems unverändert bleiben.

Präklinische Untersuchungen zeigten, dass mit dem System deutlich höhere Aerosolmengen erreicht werden konnten als mit konventionellen Anordnungen zur Medikamentenverabreichung.

InhalPlus GmbH nach Forschung am Fraunhofer ITEM gegründet

Am 27. August 2026 wurde die InhalPlus GmbH gegründet. Im September 2026 folgte die Unterzeichnung des Lizenzvertrags mit der Fraunhofer-Gesellschaft. Das junge Unternehmen nutzt das zugrunde liegende Patentportfolio des Fraunhofer ITEM nun in exklusiver Lizenz.

Für Prof. Dr. Norbert Krug, Institutsleiter des Fraunhofer ITEM, ist die Unternehmensgründung ein wichtiger Transfererfolg. Die Entwicklung zeige, wie langfristig angelegte Forschung in eine konkrete Anwendung für Patientinnen und Patienten überführt werden könne. Besonders hervorzuheben sei dabei die langjährige Arbeit von Dr. Gerhard Pohlmann und seinem Team. Sie habe die wissenschaftliche und technologische Grundlage dafür geschaffen, die Innovation nun in Richtung klinischer Anwendung und Unternehmensgründung weiterzuentwickeln.

So funktioniert das InhalPlus-Bypass-System

Das zentrale Prinzip des Systems ist die gezielte Aerosolzuführung direkt an die Schnittstelle zur Atemunterstützung. Anders als bei herkömmlichen Verfahren muss das Medikament nicht den gesamten Beatmungsschlauch durchlaufen. Dadurch soll verhindert werden, dass sich der Wirkstoff bereits auf dem Weg zum Patienten stark verdünnt oder an Komponenten des Beatmungssystems verloren geht. Das System führt das inhalative Medikament stattdessen möglichst direkt an das Nasenstück des Frühgeborenen. Damit verfolgt InhalPlus einen wichtigen Ansatz der lokalen Lungentherapie: Der Wirkstoff soll möglichst dort ankommen, wo er benötigt wird – in der Lunge.
Gleichzeitig bleibt das Grundelement des Systems im Beatmungskreislauf und muss nicht häufiger ausgetauscht werden als Standardkomponenten des Beatmungssystems. Auch die Atemunterstützung soll während der Medikamentengabe erhalten bleiben.

Klinische Studie mit rund 40 Frühgeborenen geplant

Der nächste entscheidende Entwicklungsschritt ist die erste klinische Prüfung des InhalPlus-Systems.
In einer Proof-of-Concept-Studie sollen rund 40 Frühgeborene an spezialisierten neonatologischen Zentren untersucht werden. Im Mittelpunkt steht zunächst die Frage, ob sich der Wirkstoff Budesonid bei Frühgeborenen unter CPAP zuverlässig über das InhalPlus-System verabreichen lässt.

Neben der technischen Zuverlässigkeit soll auch die Sicherheit des Systems bewertet werden. Darüber hinaus soll die Studie zeigen, wie sich die Technologie unter den Bedingungen des klinischen Alltags einsetzen lässt.
Die Vorbereitung und Durchführung der Proof-of-Concept-Studie wird aus Mitteln des niedersächsischen Förderprogramms „zukunft.niedersachsen“ unterstützt. Das Institute of Biomedical Translation Lower Saxony (IBT) hat das Projekt für eine Förderung in Höhe von 1,3 Millionen Euro ausgewählt. Dr. Felix Carl Wiegandt hatte die Fördermittel als Projektleiter für das Fraunhofer ITEM eingeworben.

Markteinführung ab 2029 geplant

Die InhalPlus GmbH plant nach erfolgreicher Entwicklung und entsprechender Zulassung einen Markteintritt in der DACH-Region ab 2029. Zunächst soll die Technologie über ausgewählte Referenzzentren eingeführt werden. Damit liegt zwischen der mehr als 20-jährigen Forschungsarbeit am Fraunhofer ITEM und einer möglichen klinischen Anwendung ein weiterer wichtiger Entwicklungsschritt: die Überführung der Technologie in ein zugelassenes Medizinprodukt und den klinischen Einsatz.

Technologie könnte langfristig auch für andere Lungenerkrankungen interessant sein

Die Vision von InhalPlus beschränkt sich nicht auf die Behandlung von Frühgeborenen. Dr. Felix Carl Wiegandt, Gründer und CEO von InhalPlus, sieht insbesondere im Überwinden des sogenannten Verdünnungseffekts bei der inhalativen Therapie ein großes Potenzial. Wenn Wirkstoffe hochkonzentriert und möglichst direkt an den gewünschten Wirkort gelangen, könnte dies neue Möglichkeiten für die lokale Behandlung von Lungenerkrankungen eröffnen.

Langfristig soll deshalb geprüft werden, ob sich die Technologie auch für andere Patientengruppen einsetzen lässt – beispielsweise für Erwachsene mit schweren Lungenerkrankungen wie COPD (chronisch obstruktive Lungenerkrankung). Der unmittelbare Fokus liegt jedoch auf den kleinsten und besonders vulnerablen Patientinnen und Patienten: Frühgeborenen, deren unreife Lunge eine besondere therapeutische Herausforderung darstellt.

InhalPlus: Vom Forschungsprojekt zum Medizintechnik-Unternehmen

Die Gründung der InhalPlus GmbH markiert damit einen wichtigen Schritt vom Forschungsprojekt zur möglichen medizinischen Anwendung.

Die Gründer der InhalPlus GmbH (v. l. n. r.): Dr. Gerhard Pohlmann (COO), Dr. Felix Carl Wiegandt (CEO) und Dr. Dirk Schäfer (CFO). Foto: Felix Wiegandt

Das Unternehmen mit Sitz in Hannover wurde von Dr. Felix Carl Wiegandt (CEO), Dr. Gerhard Pohlmann (COO) und Dr. Dirk Schäfer (CFO) gegründet. Zum Start besteht das Team aus sechs Personen. Mit der exklusiven Lizenzierung des Patentportfolios vom Fraunhofer ITEM verfügt InhalPlus über die technologische Grundlage für die weitere Entwicklung des Bypass-Systems. Mit der geplanten klinischen Proof-of-Concept-Studie steht nun die entscheidende Phase bevor: der Nachweis, dass die Technologie nicht nur unter präklinischen Bedingungen funktioniert, sondern auch bei Frühgeborenen unter CPAP sicher und zuverlässig eingesetzt werden kann. Sollte dies gelingen, könnte das InhalPlus-System einen neuen Ansatz für die gezielte inhalative Medikamentengabe bei Frühgeborenen bieten – und langfristig möglicherweise auch über die Neonatologie hinaus Anwendung finden.

Titelbild: Das InhalPlus-Bypass-System wurde entwickelt, um inhalative Medikamente gezielt an Frühgeborene zu verabreichen, ohne die Atemunterstützung zu unterbrechen. Foto: Felix Wiegandt

Quelle Text und Abbildungen: Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin ITEM

5. Oktober 2026