Studie zeigt, wie eine überaktive Immunantwort Nervenzellen zerstört und eröffnet neue Behandlungsansätze
Forscher der Sektion für Translationale Neurodegeneration „Albrecht Kossel“ an der Universitätsmedizin Rostock haben einen bislang unbekannten Krankheitsmechanismus bei einer erblichen Form der Amyotrophen Lateralsklerose, kurz ALS, identifiziert. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Advanced Science (DOI: 10.1002/advs.202417135) veröffentlicht.
Die Arbeit entstand in enger Zusammenarbeit mit dem Labor von Prof. Min Ae Lee Kirsch an der Technischen Universität Dresden sowie mit dem Massachusetts General Hospital/Harvard Medical School, Boston/USA. Dr. Marcel Naumann aus der Klinik und Poliklinik für Neurologie der Universitätsmedizin Rostock verbrachte im Rahmen des Projekts sechs Monate als Gastwissenschaftler in Boston.
Die Amyotrophe Lateralsklerose ist eine schwere Erkrankung des Nervensystems. Bei der ALS gehen motorische Nervenzellen, also jene Nervenzellen, die Bewegungen steuern, im Gehirn und im Rückenmark schrittweise zugrunde. Die Folge sind zunehmende Lähmungen. Die durchschnittliche Lebenserwartung nach Diagnosestellung beträgt zwei bis fünf Jahre. Untersucht wurde in der aktuellen Studie die seltene genetische Variante FUS-ALS. Diese Form tritt häufig bei jüngeren Patientinnen und Patienten auf und verläuft oftmals besonders schnell.
Im Mittelpunkt der Untersuchungen stand eine fehlgeleitete Reaktion des angeborenen Immunsystems innerhalb der Nervenzellen selbst. Das angeborene Immunsystem ist die schnelle, unspezifische Abwehr des Körpers gegen Krankheitserreger. Die Forscher konnten zeigen, dass sich in betroffenen Nervenzellen ungewöhnliche Ribonukleinsäure-Strukturen, kurz RNA-Strukturen, ansammeln. Verschiedene RNAs nehmen normalerweise zahlreiche wichtige Funktionen in der Zelle ein und dienen u. a. als Blaupausen für die korrekte Entstehung von Proteinen.
Diese angesammelten RNA-Strukturen werden vom zellulären Detektor RIG-I als Gefahrensignal erkannt. RIG-I ist ein Eiweißmolekül, das normalerweise virale Erreger erkennt und eine Abwehrreaktion auslöst. In den untersuchten Nervenzellen schlägt dieses System jedoch fälschlicherweise Alarm. Es kommt zu einer Aktivierung des sogenannten Typ-I-Interferon-Signalwegs. Interferone sind Botenstoffe des Immunsystems, die Zellen in einen antiviralen Alarmzustand versetzen. Wird dieser Signalweg dauerhaft aktiviert, entsteht eine chronische Entzündungsreaktion, die die Nervenzellen schädigt und letztlich zu ihrem Absterben beiträgt.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Nervenzellen bei FUS-ALS nicht nur passiv geschädigt werden, sondern selbst eine fehlgeleitete Immunreaktion auslösen. Dies wird durch die Akkumulation besonderer RNA-Spezies angestoßen, deren Bedeutung für Nervenzellen bislang kaum verstanden ist. Dieser neue Blick auf die Erkrankung eröffnet konkrete therapeutische Perspektiven und könnte zukünftig auch zum besseren Verständnis anderer neurodegenerativer Erkrankungen beitragen“, erklärt Dr. Marcel Naumann, Erstautor der Studie.
In weiteren Experimenten prüften die Forscher, ob sich die fehlgeleitete Immunreaktion gezielt abschwächen lässt. Zudem zeigte etwa die Hälfte der Patientinnen und Patienten mit FUS-ALS eine erhöhte Interferon-Signatur im Blut, die mit einem schnelleren Verlauf verbunden war und als möglicher Marker für eine gezielte Therapie dienen könnte.

Prof. Dr. Andreas Hermann, Letztautor der Studie. Foto: Universitätsmedizin Rostock
Prof. Dr. Andreas Hermann, Letztautor der Studie und Leiter der Sektion für Translationale Neurodegeneration „Albrecht Kossel“, betont die klinische Bedeutung der Ergebnisse. „Die Identifikation dieser Immunaktivierung ist ein wichtiger Schritt hin zu personalisierten Behandlungsstrategien. Perspektivisch könnten wir Therapien gezielt bei den Patientinnen und Patienten einsetzen, bei denen dieser Mechanismus nachweisbar aktiv ist“, so Prof. Hermann. Bereits jetzt werden erste Patientinnen und Patienten mit auffälliger Interferon-Signatur im Blut im Rahmen individueller Heilversuche an der Klinik und Poliklinik für Neurologie mit Hemmstoffen des Interferon-Signalwegs behandelt.
Die Studie wurde von der Hermann und Lilly Schilling Stiftung für medizinische Forschung im Stifterverband sowie vom Clinician Scientist Programm der Universitätsmedizin Rostock gefördert.
Titelbild: Dr. Marcel Naumann im Labor. Foto: Universitätsmedizin Rostock
Quelle Text und Abbildungen: Universitätsmedizin Rostock
26. März 2026





















































